Das ‹Volk› im Streit um das Frauenwahlrecht: Politische Subjektivität nach Jacques Rancière

Das Dissertationsprojekt untersucht die demokratietheoretische Grundfrage politischer Subjektivität am Beispiel des Streits um die Zugehörigkeit zum demokratischen ‹Volk› im Ringen um das Frauenwahlrecht in Liechtenstein und der Schweiz im Anschluss an die politische Philosophie Jacques Rancières.

Der Konflikt um das Frauenstimmrecht veranschaulicht ein Paradox der Demokratie: Die Grenzen der politischen Zugehörigkeit zum ‹Volk› können als dessen Voraussetzung selbst nicht schon demokratisch gezogen werden. Gerade an Männerabstimmungen über die politischen Rechte von Frauen, wie in der Schweiz und in Liechtenstein, zeigt sich das Paradox der Grenzen des Demos auf paradigmatische Weise, was die Geschichte des Frauenwahlrechts zum prädestinierten Reflexionsgegenstand über die Frage des Subjekts der Demokratie macht.

Die fortwährende Auseinandersetzung um die Konstitution des Demos, die in Kämpfen um politische Teilhabe ausgetragen wird, betrifft nicht nur das normative Fundament demokratischer Ordnungen, sondern stellt auch eine systematische Herausforderung für Theorien der Demokratie dar, welche das ‹Volk› als gegebenes Element voraussetzen und so die historische Formierung und umkämpfte Zusammensetzung des Demos nicht gebührend in den Blick bekommen.

Vor diesem Hintergrund ist das Ziel der Dissertation die demokratietheoretische Schärfung des Begriffs politischer Subjektivität in der philosophischen Untersuchung des Kampfes um das Frauenwahlrecht. Im Rückgriff auf Jacques Rancières Theorie politischer Subjektivation werden hierzu ausgewählte historische Ereignisse politischer Subjektivierung – der «Marsch nach Bern» für die Schweiz und die «Fahrt nach Strassburg» für Liechtenstein – einer kritisch-rekonstruktiven Analyse unterzogen.

Rancières radikales Demokratieverständnis erlaubt es mit Hilfe seiner prägenden Unterscheidung von ‹Politik› und ‹Polizei› Prozesse politischer Subjektivierung im Spannungsfeld von Machtstrukturen und deren Kontestation begrifflich nachzuvollziehen. Durch die Konfrontation mit queer-feministischen, postkolonialen und intersektionalen Perspektiven soll Rancières einschlägige Terminologie gezielt konzeptuell weiterentwickelt werden. Denn die Dynamisierung der starren Dichotomie von ‹Politik› und ‹Polizei› anhand der Analyse konkreter Fallbeispiele – so die Hypothese – ermöglicht ein komplexeres Verständnis der ambivalenten Wechselseitigkeit von Herrschaft und Emanzipationsbestrebungen, das mit und gegen Rancière über Rancière hinaus weist.

Die Dissertation leistet einen profunden Beitrag zur philosophischen Diskussion über das Politische. Die in der Anwendung von Rancières Theorie gewonnenen Erkenntnisse sind nicht nur analytisch-konzeptuell aufschlussreich und systematisch für die Demokratietheorie bedeutsam, sondern angesichts laufender Debatten um Grenzen politischer Mitbestimmung auch über die Akademie hinaus gesellschaftspolitisch relevant und hochaktuell. Denn die Analyse politischer Subjektivierungsprozesse im Streit um das Frauenwahlrecht ist instruktiv für das Verständnis gegenwärtiger Kämpfe um politische Teilhabe.

Supervisor:Katrin Meyer
Co-Supervisor: Franziska Martinsen (Leibniz Universität Hannover)


Bio

Beat Ospelt studierte Philosophie und Gesellschaftswissenschaften an der Universität Basel sowie politische Philosophie im Masterstudiengang Political, Legal, and Economic Philosophy (PLEP) an der Universität Bern und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit Frühjahr 2021 ist er Doktorand im Fach Philosophie und Mitglied des Graduiertenkollegs Gender Studies „Geschlechterverhältnisse – Normalisierung und Transformation" sowie der Graduate School of Social Sciences (G3S) an der Universität Basel.

Forschungsschwerpunkte

  • Politische Philosophie
  • Radikale Demokratietheorie
  • Theorien politischer Subjektivation
Portrait von Beat Ospelt

Beat Ospelt  
Philosophisches Seminar  
Steinengraben 5
4056 Basel