Frauenstimmrecht und radikale Demokratietheorie: Das Politische denken am Beispiel der Auseinandersetzung um das Frauenwahlrecht in Liechtenstein und der Schweiz

Das Dissertationsprojekt untersucht die Auseinandersetzungen um das Wahl- und Stimmrecht von Frauen in der Schweiz und in Liechtenstein im Hinblick auf ihre Bedeutung für das Verständnis von Demokratie aus einer radikaldemokratischen Perspektive.

Philosophisch betrachtet veranschaulicht sich am historischen Unrecht des politischen Ausschlusses von Frauen ein der Demokratie inhärentes Paradox: Die Grenzen der Zugehörigkeit zum demokratischen ‹Volk› oder demos können selbst nicht demokratisch gezogen werden. Die konkrete Gestalt eines demos ist historisch kontingent, was sich an der Geschichte der verschiedensten Ausschlussgründe vom sogenannten ‹allgemeinen› Wahlrecht, ihrer Infragestellung, Bekämpfung und Überwindung aufzeigen lässt.

Angesichts der vielfältigen Untersuchungen zur Geschichte des Frauenwahlrechts erstaunt es, dass es komplementär dazu kaum Forschungsarbeiten gibt, die den Konflikt um die politischen Rechte von Frauen aus demokratietheoretischer Sicht reflektieren, sodass bezeichnenderweise gerade das Schweigen der Demokratietheorie zum Thema Frauenwahlrecht als Gegenstand philosophischer Forschung aufgegriffen wird (Meyer i.E.).

Der Streit um die Konstitution des demos, welcher am historischen Beispiel des Ringens um das Frauenwahlrecht paradigmatisch zum Ausdruck kommt, lässt sich nur mittels der analytischen Unterscheidung von Politik (la politique) und Politischem (le politique), wie sie im Kontext radikaler Demokratietheorien entstanden ist, gebührend in den Blick nehmen. Ausgehend von dieser methodischen These untersucht das Forschungsprojekt anhand der Identifikation und rekonstruktiven Analyse ausgewählter Ereignisse im Konflikt um das Frauenwahlrecht die Frage, wie und wie weit sich diese historischen Momente politischer Subjektivierung von Frauen mit Hilfe unterschiedlicher Konzeptionen der kontrastiven Differenz von Politik und Politischem verstehen lassen. Ziel der Analyse ist es in der Anwendung prominenter Theorien des Politischen zu überprüfen, wie überzeugend diese ihrem eigenen Anspruch gerecht werden können, die Dynamik und das Spannungsverhältnis zwischen bestehenden Institutionengefügen und Strukturen (Politik) sowie ihrer potenziell transformativen Kontestation durch politisches Handeln (Politisches) theoretisch greifbar zu machen.

In einer reflexiven Vertiefung der Analyseergebnisse fragt die Dissertation nach den Implikationen der gewonnenen Einsichten im Hinblick auf ein umfassenderes Verständnis von Demokratie, gerade auch angesichts gegenwärtiger politischer Ausschlüsse und Kämpfe um Teilhabe, wie etwa bezüglich Staatsangehörigkeit oder Aufenthaltsstatus. Neben einem theoretischen Beitrag zur Schliessung einer folgenschweren Forschungslücke innerhalb der Demokratietheorie leistet das Projekt damit auch über den Resonanzraum der Wissenschaften hinaus einen wertvollen Beitrag zu aktuellen politischen Diskussionen.

Supervisor: Katrin Meyer
Co-Supervisor: Franziska Martinsen (Leibniz Universität Hannover)


Biographisches

Beat Ospelt studierte Philosophie und Gesellschaftswissenschaften an der Universität Basel sowie politische Philosophie im Masterstudiengang Political, Legal, and Economic Philosophy (PLEP) an der Universität Bern und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit Frühjahr 2021 ist er Doktorand im Fach Philosophie und Mitglied des Graduiertenkollegs Gender Studies „Geschlechterverhältnisse -Normalisierung und Transformation" sowie der Graduate School of Social Sciences (G3S) an der Universität Basel.
 

Forschungsschwerpunkte

  • Politische Philosophie
  • Radikale Demokratietheorie
  • Theorien politischer Subjektivation
Portrait von Beat Ospelt

Beat Ospelt  
Doktorand Philosophisches Seminar  
Steinengraben 5
4056 Basel