Macht und Kritik: Eine Untersuchung kritischer (Selbst-)Reflexionen von Männern aus Führungspositionen im Finanzsektor

In diesem Promotionsprojekt wird empirisch untersucht, wie Männer aus leitenden Funktionen im Finanzsektor (selbst)kritisch über ihre Arbeits- und Lebensweisen nachdenken. Wie gelangen sie zu ihren Einschätzungen und welche Themen stehen im Zentrum? Welche Formen von (Selbst)Kritiken werden formuliert? Bislang werden in soziologischen und geschlechtertheoretischen Forschungen zu Männern in Führungspositionen vor allem deren Praxen und Lebensweisen untersucht. In diesem Projekt werden nun am Beispiel des Finanzsektors auch deren (selbst)kritische Überlegungen einer vertieften Analyse unterzogen. Durch eine systematisierende Untersuchung soll dazu neues empirisch fundiertes Wissen gewonnen und damit zur Schliessung einer bedeutsamen Forschungslücke beigetragen werden. Grundlage sind zum einen fünf Autobiographien von Finanzmarktakteuren und zum anderen werden zwanzig Interviews mit männlichen Führungskräften aus international operierenden Schweizer Banken geführt. 

In theoretischer Hinsicht lässt sich fragen, inwiefern es sich dabei um „Hegemonieselbstkritik“ handelt, d.h. die kritische (Selbst‑)Reflexion, die aus einer hegemonialen Position bezogen auf die eigenen Machtpraxen und ihre Dynamiken formuliert wird. Das Konzept der Hegemonieselbstkritik wurde bislang kaum ausgearbeitet oder empirisch angewendet. Das liegt unter anderem an der Tendenz in Teilen kritischer Gesellschafts- und Geschlechtertheorie, vor allem gesellschaftlich marginalisierten Personengruppen eine Fähigkeit zu Gesellschaftskritik zuzuschreiben und sie Personen in Machtpositionen eher abzusprechen. Daher leistet das Projekt durch eine empirisch informierte Weiterentwicklung des Konzepts der Hegemonieselbstkritik auch für die Theoriebildung einen wertvollen Beitrag. 

Von gesellschaftlicher Relevanz ist das gewonnene Wissen, da es zu einem differenzierten Verständnis der gegenwärtigen vielfältigen Krisendynamiken sowie zu lösungsorientierten Debatten beitragen soll.

Supervisor: Andrea Maihofer
Co-supervisor: Birgit Sauer (Universität Wien)

Anika Thym
Graduate School of Social Sciences / Zentrum für Gender Studies
Petersgraben 52
4051 Basel
Schweiz