Karin Hostettler

Denk(t)raum Mensch. Kant, Kritik und Othering

Der philosophische Diskurs der Aufklärungszeit bietet durch seine kritischen und emanzipatorischen Ideen auch heute noch Anknüpfungspunkte für feministische wie auch postkoloniale Kritik. Zugleich finden sich in diesem Diskurs Prozesse von epistemischen Veranderungen (othering), durch welche sich geschlechtliche und rassische Differenzsetzungen machtvoll in moderne Konzepte einschreiben - und davon ist auch das Unternehmen der Kritik nicht ausgenommen. 

Das Dissertationsprojekt untersucht mit Fokus auf Immanuel Kant eine zweifache Verschränkung. Einerseits wird das geschlechts- und rassenspezifische Denken untersucht und dessen Verbindung mit der kritischen Philosophie aufgezeigt. Andererseits geht es um eine Analyse der Arten der Verschränkung der Differenzachsen ‚Rasse’ und ‚Geschlecht’. Denn sowohl die feministische Kritik wie auch die postkoloniale Diskussion haben es weitgehend versäumt, andere Differenzsetzungen in ihre Diskussion miteinzubeziehen. Damit werden in beiden Strängen letztlich Unterdrückungsverhältnisse verdeckt und perpetuiert. 

Mit Bezug auf Kant bedeutet dies u.a., Grenzen zwischen Individuum und Gattung, mechanischem und teleologischem Denken, Freiheit und Natur in den Blick zu nehmen und gerade jene Schriften auszuloten, die sich im Zwischenbereich bewegen: die Menschheitsgeschichte, die aus individuellen Akten besteht und doch naturgemässen Regeln folgt; die Urteilskraft, welche zwischen der reinen Vernunft und der praktischen Vernunft vermittelt und sich damit zwischen Heteronomie und Autonomie bewegt, wie auch die Anthropologie, die den Menschen zugleich als freihandelndes Wesen und als Naturwesen und in den Blick nimmt, und zwar beruhend auf den kritischen Einsichten Kants.  Letztlich geht es um die Frage der Kritik: Wie muss transformative Kritik gedacht werden, die sich im Paradox von Perpetuierung von Unterdrückung und gleichzeitiger Erarbeitung von emanzipativen Konzepten lokalisiert?

 

Key Words: Philosophie der Aufklärung, Immanuel Kant, Postkoloniale Theorie, Eurozentrismus, Gender Studies

Supervisor: Andrea Maihofer

Co-Supervisor: Katrin Meyer

Memberships: Graduiertenkolleg Gender Studies

 

Bio:

  • Seit 2013 wissenschaftliche Assistentin im Fachbereich Gender und Diversity an der Universität St.Gallen
  • Seit 2014 Mitglied des Doktoratsprogramms Migration and Postcoloniality meet Switzerland an der Universität Fribourg
  • Seit 2015 Graduierte in der Graduiertenschule Social Sciences (G3S) und im Graduiertenkolleg Geschlechterforschung.
  • 2012-2013 SNF-Stipendium, Studienaufenthalt an der HU Berlin am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien
  • 2010-2012 Lehrveranstaltungen an der Universität Basel
  • Von 2009-2012 Teilnehmerin am Graduiertenkolleg Repräsentation, Materialität und Geschlecht am Zentrum Gender Studies, Universität Basel
  • 2009-2011 wissenschaftliche Assistenz im SNF-Forschungsprojekt Mit Recht zur Lohngleichheit unter der Leitung von Dr. Gesine Fuchs
  • 2008-2009 Mentee im Mentoringprogramm Diss+, Universität Basel
  • Studium der Philosophie, Gender Studies und Neuerer Deutscher Literaturwissenschaft in Basel und Genf.


Lehrveranstaltungen
Jenseits des Eurozentrismus?
Feministische Erkenntnistheorien
Philosophische Geschlechtertheorien der Aufklärung
Doing Gender
Philosophische Geschlechtertheorien der Aufklärung
Alles nur Theater? Geschlecht und Sexualität diesseits und jenseits der Norm
Sexing the Brain. Populäre und wissenschaftliche Debatten zu Körper und Geschlecht
Körper, Sexualität und Gender. Konzepte der Geschlechterforschung
Who cares? Erwerbsarbeit, Sorgearbeit und Geschlecht
(Un-)Doing Gender. Soziale und kulturelle (De-)Konstruktion von Geschlecht
Natur, Kultur - und Geschlecht? Konzepte der Geschlechterforschung
Körper, Sexualität und Gender. Konzepte der Geschlechterforschung


Publikationen
Herausgeberschaft:
Hostettler, Karin; Vögele, Sophie (Hg.) (2014): Diesseits der imperialen Geschlechterordnung: (Post-)koloniale Reflexionen über den Westen, Bielefeld: transcript.

Buchkapitel und Rezensionen:

  • Hostettler, Karin; Vögele, Sophie (im Erscheinen): "Gender and Sexuality as Place/s of Imperial Thinking. Approximations from a (post)colonial theory's perspective", in: James Garrison, Murat Ates (Hg.): Place/s of Thinking.
  • Hostettler, Karin (2016): "Immanuel Kant: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784). Oder Zur Verwicklung von Selbstkritik und epistemischer Gewalt in der Aufklärung", in: Jürgen Martschukat, Olaf Stieglitz (Hg.): sex & race. Eine Geschichte der Neuzeit, Berlin: Neofelis, 375-382.
  • Hostettler, Karin; Vögele, Sophie (2014): "Diesseits der imperialen Geschlechterordnung. Eine Einleitung", in: Karin Hostettler, Sophie Vögele (Hg.): Diesseits der imperialen Geschlechterordnung: (Post-)koloniale Reflexionen über den Westen, Bielefeld: transcript, 7-33.
  • Hostettler, Karin (2014): "Kritische Verwicklungen des kultivierten Begehrens", in: Karin Hostettler, Sophie Vögele (Hg.): Diesseits der imperialen Geschlechterordnung: (Post-)-koloniale Reflexionen über den Westen, Bielefeld: transcript, 211-240.
  • Hostettler, Karin (2014): "Under (Post)colonial Eyes: Kant, Foucault, and Critique", in: Nikita Dhawan (Hg.): Decolonizing Enlightenment. Transnational Justice, Human Rights and Democracy in a Postcolonial World, Opladen: Budrich, 79-92.
  • Hostettler, Karin; Vögele Sophie (2014): "Rezension: Postkoloniale Schweiz. Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien", in Infoclio vom 23.9.2014, www.infoclio.ch/de/node/130748 (Stand vom 17.6.2016)